Trauer Gedichte und Texte
Der Türmer
Vor mehreren hundert Jahren lebte auf der Burg Hohenurach ein Burgherr, der als Fürst über sein kleines Reich herrschte. Dieses Reich war so groß, soweit man schauen konnte und noch etwas darüber hinaus. Wenn nun in den Wäldern Räuber ihr Unwesen trieben, dann musste der Burgherr mit seinen Rittern und Waffenknechten ausziehen und die Räuber festsetzen. Dabei konnte es zu heftigen Kämpfen kommen. Außerdem schaute der Burgherr, dass die Bauern ihre Abgaben leisteten. Einmal nahm er auch an einem großen Feldzug teil, wo er seinem Lehnsherrn Folge leistete. Da war er über ein Jahr in der Ferne und nicht alle seine Ritter kehrten wieder mit ihm auf die Burg zurück. Am Sonntag ging er meist mit seiner Gemahlin den Berg hinunter und hörte die Messe in der Uracher Pfarre.
Dieser Burgherr aber hatte einen Turmwächter. Der stand nahezu Tag und Nacht auf einem der Türme oder ging über die dicken Mauern und spähte mit seinen scharfen Augen in die Umgebung. Er hatte ein Horn und wenn sich ein Gast der Burg nahte, dann schmetterte er ein freudiges Begrüßungssignal. Wenn sich aber fremdes Gesindel an die Burg heranschlich oder gar ein feindliches Heer aufmarschierte, blies er ein durchdringendes Warnsignal. Dann kamen die Waffenknechte aus der Wachstube gerannt, zogen die Zugbrücke hoch und besetzten die Wehrgänge. Praktisch sein ganzes Leben hielt dieser Turmwächter auf der Burg Wache. Und wenn der Burgherr zur Jagd ritt oder zu einem Kampf auszog, vertraute er ihm die Sicherheit der Burg an.
Im Winter fror der Wächter zum Teil übel. Dann mummte er sich ein, so gut es ging. Im Sommer genoss er die warme Sonne und den frischen Wind. Aber immer schaute er gerne in die Landschaft und manchmal hörte man ihn mit seiner rauen Stimme ein Lied singen.
(Der Trauer Text des Liedes ist nicht so genau überliefert, aber manche sagen, dass er ungefähr so lautete:
Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt
Dem Turme geschworen gefällt mir die Welt
Ich blick in die Ferne, ich seh' in der Näh'
Den Mond und die Sterne, den Wald und das Reh
Goethe, Vertonung nach Lothar Reubke)
Nach einem langen Leben verstarben der Burgherr und sein Turmwächter etwa zur selben Zeit. Der Burgherr kam zuerst im Himmel an und hatte da mit dem lieben Gott ein ernstes Gespräch. Bis in alle Kleinigkeiten musste er Rechenschaft ablegen, ob er nicht die Bauern zu sehr gepresst, ob er seinen Kindern ein gütiger und gerechter Vater gewesen war, ob er seine Gemahlin geachtet und dem heiligen Sankt Petrus eine Kapelle gebaut hatte. Aber vor allen Dingen, ob er ehrlich gekämpft hatte. Dann erst wurde er in den Himmel eingelassen.
Kurze Zeit später kam auch der Turmwächter in dem Himmel an. Auch er hatte ein ernstes Gespräch mit dem lieben Gott: Ob er gut Wache gehalten habe, ob er nicht zuviel geflucht und getrunken hatte. Oh, das war ein peinlicher Moment, denn das mit der Kälte wollte der liebe Gott nicht gelten lassen. Und so manches mehr. So lang wie das Gespräch des Burgherrn war das Gespräch des Turmwächters nicht. Aber am Ende sagte der liebe Gott zu dem Turmwächter, er solle noch etwas warten.
Der liebe Gott ergriff nun einen goldenen Gong und schlug mit einem silbernen Klöppel dagegen. Ein feiner heller Ton breitete sich im dem Himmelsraum aus und verklang allmählich.
Erst hörte der Turmwächter nichts. Dann aber vernahm er ein leises Rauschen, das bald anschwoll. Von allen Seiten kamen die Engel des Himmels heran geflogen und ließen sich erwartungsvoll im Kreis um den Turmwächter nieder. Als sie zur Ruhe gekommen waren, forderte ihn der liebe Gott auf: Und nun erzähl!
„Was soll ich denn erzählen?“ fragte der Turmwächter verwundert.
Da stand ein jugendlicher Engel in einem blau-roten Gewand auf und bat: „ Erzähl uns, wie es ist, wenn am Morgen die Sonne aufgeht und wie es ist, wenn sie abends untergeht.“
Ein großer, starker Engel richtete die Bitte an ihn: „Erzähl uns, wie es ist, wenn der Sturm um die Burg braust.“
Ein sanfter Engel: „ Erzähl uns, wie es ist, wenn die Frühlingssonne die zarten Blumenkelche bescheint.“
Ein vierter Engel: Erzähl uns, wie es ist, wenn der Mond durch das Tal scheint.“
„Ach so etwas wollt ihr hören“, meinte der Turmwächter. Und dann fing er an zu erzählen und die Engel hörten aufmerksam zu.
Nachdem er lange, lange erzählt hatte, baten ihn die Engel, noch einmal das Lied zu singen. Der Turmwächter schämte sich erst ein bisschen, aber dann sang er doch. Als er jedoch geendigt hatte, sangen ihm die Engel eine zweite Strophe:
So sahst du in allen die ewige Zier
Und wie’s dir gefallen, gefiel es auch hier.
Die glücklichen Augen, was je sie gesehn,
Es sei wie es wolle, es war doch so schön.
(Frei nach Goethe)
Ja, die Engel haben dann den Turmwächter in den Himmel aufgenommen und ihm dort viel gezeigt. Später haben sie ihn dann wieder auf die Erde geschickt. Und liebe Kinder, ihr dürft raten, was er dann auf der Erde tun sollte. - Nun, er wurde ein Naturforscher und zeigte den Menschen das Walten Gottes in der Natur.