Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 07.11.2009
Porträt Volker Schaffrath ist Hobbyschauspieler und spielt derzeit in einem Stück die Rolle seines Lebens. Von Leona Stolterfoh.
Für Volker Schaffrath stand schon früh fest: Entweder wird er Lehrer oder Pfarrer. Heute ist er Bestattungsunternehmer. Dazwischen liegen ein paar Umwege. Der 40-jährige Stuttgarter hat in Tübingen und am Priesterseminar der von Rudolf Steiner gegründeten Christengemeinschaft Theologie studiert. "Wenn man sich entscheidet, Pfarrer zu werden, ist das eine Entscheidung für das ganze Leben", sagt Volker Schaffrath. Er hat sich dagegen entschieden und Religion an einer Grundschule unterrichtet. Doch auch das war nicht das Richtige für ihn.
Im März dieses Jahres hat er sein Bestattungsunternehmen gegründet. "Schon als Student habe ich Leichname nach Italien überführt", sagt Volker Schaffrath, "das hat mich schon immer fasziniert." Und weil es Zeit braucht, bis ein neuer Betrieb läuft - "Man kann für fast alles Bedürfnisse wecken: für Jeans, Handys, Autos, nicht aber für Bestattungen", sagt Schaffrath - hat er Ja gesagt, als er gefragt wurde, ob er in einem Theaterstück mitspielen wolle.
Und so kam es, dass der Bestattungsunternehmer Volker Schaffrath ausgerechnet den Fuhrmann im gleichnamigen Stück von Selma Lagerlöf spielt. Seine Aufgabe auf der Bühne ist es, die Seelen der Sterbenden von ihren Körpern zu erlösen.
"Die Rolle des Fuhrmanns ist kurzfristig frei geworden", sagt der Sillenbucher Künstler Gerald Friese, der Lagerlöfs Originalstück in eine Theaterfassung umgeschrieben und inszeniert hat. "Volker hat zugesagt, das war ein Glücksfall", sagt Friese. Die anderen 14 Amateurschauspieler vom Ensemble Litera Vox konnten sich ein Lachen nicht verkneifen, als sie erfahren haben, was der neue Fuhrmann von Beruf ist. Zunächst mussten die Requisiten angepasst werden. Die ursprüngliche Sense wirkte bei dem 1,95 Meter großen Schaffrath wie ein harmloses Brotmesser.
Überhaupt war am Anfang alles harmlos. "Ich hatte beruflich noch nicht viel zu tun und konnte in Ruhe den Text lernen", sagt Schaffrath. Nach und nach haben beide Projekte mehr Zeit beansprucht, "und plötzlich begann es, dass sich beide Seiten inhaltlich bespiegelten". Mal ist er mit (leerem) Überführungswagen zur Probe gekommen, mal musste er wegen eines Todesfalls die Probe abbrechen. "In der Nacht nach der Premiere kamen zwei Sterbefälle rein", erzählt der Hobbyschauspieler.
Man hat das Gefühl, dass Schaffrath durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Mit einer angenehmen Stimme spricht er über seinen Beruf und sein Hobby. Wie ein böser Sensenmann wirkt er nicht, dafür kann man sich gut vorstellen, wie behutsam er mit Menschen umgeht, die jemanden verloren haben. "Es macht einen Unterschied, wie man zuhört", sagt Schaffrath. "Die Leute merken, wenn da jemand ist, der sich nicht nur für Daten interessiert, sondern auch für den Menschen."
Sein Theologiewissen bringt er allerdings nicht in seine Arbeit ein. "Danach steht den Menschen in diesem Moment nicht der Sinn", sagt Schaffrath, "sie müssen in kurzer Zeit viel entscheiden." Aus religiöser Überzeugung will er seine Preise niedrig halten. In jedem Bestattungsfall stellt er eine Dienstleistungspauschale von 740 Euro in Rechnung. Darin sind sämtliche Formalitäten und das Organisieren der Trauerfeier enthalten. Den Sarg verkaufe er praktisch zum Selbstkostenpreis - ob der einfache Naturholzsarg oder die noble Mahagoni-Truhe: "Ich verdiene an jedem Todesfall gleich viel."
Er habe ein schlankes Unternehmen. Seine Schwester helfe ihm mit Büroarbeiten, er habe keine angemieteten Büroräume (lediglich ein Sarglager), stattdessen geht er zu den Angehörigen nach Hause. Noch kommt Schaffrath ohne Angestellte aus. Er hat die Doppelbelastung als Bestatter und Fuhrmann im Griff.